Ulf Schmidt

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Der Marienthaler Dachs

Zuletzt stirbt endlich die Hoffnung.

 

 

 

 

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Marienthal ist ein kleines Fabrikdorf an der Fischa-Dagnitz im Steinfeld … Wie andere Orte um einen Markt, eine Kirche oder eine Burg herum entstehen, so ist Marienthal um die Fabrik herum entstanden … Der alle zwei Wochen wiederkehrende Tag der Unterstützungsauszahlung ist für Marienthal von ungleich größerer Bedeutung als der Sonntag; das gesamte Wirtschaftsleben schwingt in diesem zweiwöchigen Rhythmus … Selbst die Behörden versuchen in Marienthal nicht mehr, den Schein aufrechtzuerhalten, als ob man von der Unterstützung, die man bekommt oder sogar nicht bekommt, leben könnte. Wenn Katzen oder Hunde verschwinden, fällt es den Besitzern gar nicht mehr ein, Anzeige zu erstatten; … sicher ist, dass durch die Marienthaler als Gesamtheit auch nicht die kleinste Verdienstmöglichkeit unausgenutzt bleibt; … hier leben Menschen, die sich daran gewöhnt haben, weniger zu besitzen, weniger zu tun und weniger zu erwarten, als bisher für die Existenz als notwendig angesehen worden ist … Die ungebrochenen und die gebrochenen Existenzen scheinen zurückzutreten gegenüber dem Eindruck einer als Ganzes resignierten Gemeinschaft, die zwar die Ordnung der Gegenwart aufrecht erhält, aber die Beziehung zur Zukunft verloren hat … Sie, die sich nicht mehr beeilen müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab aus einer geregelten Existenz ins Ungebundene und Leere … Das Nichtstun beherrscht den Tag.

Was wissen wir über Arbeitslosigkeit? … Es liegt in der Natur der Fragestellung, dass unsere Fragestellung nicht das ganze Problem der Arbeitslosigkeit erfasst hat. Vor allem ist unser Untersuchungsgegenstand das arbeitslose Dorf und nicht der einzelne Arbeitslose. Alles Charakterologische ist weggefallen, die ganze Psychopathologie fällt aus, und nur dort, wo regelhafte Zusammenhänge von Vergangenheit und Gegenwart angedeutet werden können, wird die Frage bis nahe an das individuelle Schicksal herangeführt … Wir hatten es mit einer Gemeinschaft zu tun, die in ihrer Gänze arbeitslos ist.

Aus: Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld, Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch.




AKT 1

Unzeit

Szene 1.1

 

Morgengrauen

 


 


Haus Pleite

Wirtschaft

Freier Markt (teilweise sichtgeschützt gegen Dachstum)

Dachsturm mit Medium

Black Box

Haus Bank-Rott

 

 

 

 

Medium (auf dem Turm):

     Erwacht, erwacht. Hört ihr Leut und

     Lasst euch sagen, unsre Uhr hat

     Uns geschlagen. Erwacht. Erwacht.

     Kniet nieder und verneigt euch

     Zum mächtigen Dachs. Kniet

     Nieder und verneigt euch zu mächtigen Dachs.

     Erwacht, erwacht. Groß ist

     Der Dachs und allmächtig. Verneigt

     Euch vor dem Allmächtigen.

     Lasst uns bitten um freundliche Stimmung.

     Möge der Dachs euch behüten und schützen

     Auf all euren Weg. Gehet hin

     Im Frieden des Dachs. Erwacht, Erwacht!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Opa Rosemarie:

Muschi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Muschi

 

 

 

 

 

Mutter Konzern:

     Wäre nur diese Müdigkeit nicht.

     Müdigkeit, Müdigkeit, Müdigkeit.

     Schlafen würde ich können wollen,

     schlafen, schlafen und morgens

     wach sein. Dauernd der Regen,

     Regen, Regen, Regen, Regen.

     Trommelt aufs Dach an die Scheiben,

     aufs Trommelfell, in den Kopf.

     Trommelt und trommelt und dröhnt.

     Wenn ich nur schlafen könnte.

     Eine Nacht schlafen. Nachts nicht

     Schlafen und tags nicht wach.

     Tag und Nacht dämmern dahin.

     Nicht schlafend nicht wach.

     Zwischen Tag und Nacht.

     Wäre nur diese Müdigkeit nicht.

     Müdigkeit, Müdigkeit, Müdigkeit.

 

Tochter Gesellschaft:

     Ihr habt schon wieder getrunken,

     nicht wahr? So glasige Augen,

     so zittrige Hände. So langsam

     seid ihr in der Bewegung.

     Tanz doch mal, spring doch mal,

     mach doch mal so

     oder so

     oder so. So. So. So so.

     Oder irgendwas sowas so.

 

Vater Staat:
     Nicht denken.

     Nicht fühlen.

     Nicht wollen.

     Nicht sprechen.

     Nicht singen.

     Nicht tanzen.

     Nicht arbeiten.

     Nicht schlafen.

     Nicht wachen.

     Nicht wünschen.

     Nicht hören.

     Nicht sehen.

     Nicht fühlen.

     Nicht denken.

 

 

 

Vater Staat:

     Schlafen wozu?

 

 

     Träumen was?

     Aufwachen wozu,

 

     aufstehn,

 

 

     lebendig sein?

 

     Wie?

     Schlaf weiter.

     Schlaf.

     Schlaf.

 

 

Mutter Konzern:
     Still, still, Kind, sei still.

     Lass einfach nur

     Stille sein.

     Ruhe.

     Frieden.

     Nichts.

 

     Nichts.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mutter Konzern:

 

     Schlafen.

 

     Schlafen.

 

 

 

     Lasst euch die Zukunft weisen vom Dachs,

     ihr Leute. Kommt und fragt,

     was ihr wissen wollt. Lasst den Dachs

     euch die Zukunft erschauen.

     Kommt und befragt den großmächtigen

     Weisen, den Seher der Seher.

     Er wird euch weisen, was ihr

     Zu tun habt, was besser zu lassen.

     Kommt ihr Leute und fragt den Dachs.

     Bringt die Ersparnisse mit und

     Opfert dem Dachs, was ihr opfern könnt.

     Nichts nützt euch das Eigentum,

     wenn euch der Dachs nicht gnädig ist.

     Zornig stimmt ihr den Dachs, wenn ihr

     Ihm vorenthaltet, was ihm gebührt.

     Zollt ihm Respekt und Achtung,

     gebt dem Dachs was dem Dachs gebührt.

     Heute ihr Leute könnt ihr den Dachs    

     euch gewogen machen und gnädig stimmen.

     Morgen schon werdet ihr dankbar sein

     Für die Gnade, die ihr euch heute erwerbt.

     Freundlich ist euch der Dachs gesonnen,

     freundlich wohnt er bei euch im Dorf.

     Weise wiegt er sein felliges Haupt,

     weise weist er euch auf den richtigen Weg.

     Weisheit erwerbt ihr vom Dachs.

     Wertschätzt den Dachs und opfert ihm.

     Zeigt dem Dachs eure Dankbarkeit.

     Preiset den Dachs und lobt ihn

     Und zahlt ihm, was ihm gebührt.

     Kein Preis ist zu hoch für den Dachs.

     Lobpreiset den Dachs mit mir.

     Kein Wesen von dieser Welt

     Ist der Dachs, in anderen Sphären ist er

     Geboren, in andere Sphären vermag er

     Zu schauen. Wo ihr nur weit

     In den Raum starren könnt, da

     Schaut der Dachs in die Zeit. Wo ihr

     Nur seht, was in Ferne ist,

     sieht der Dachs auch, was aus der

     Zukunft kommt. Er ist der Seher,

     er weiß schon heute, was morgen

     geschieht. Er kann euch günstig

     gesonnen sein, er kann euch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Muschi

 

 

 

 

 

 

 

 

Wo bist du?

 

 

 

 

Tochter Gesellschaft:
     Nicht fühlen war doppelt.

     Doppelt verneint heißt ja.

     Willst wohl was ühlen.

Mutter Konzern:
     Nicht fühlen. Nicht fühlen, nicht fühlen.

     Zum dritten und letzten Mal.

Vater Staat:
     Willst du fühlen?

Tochter Gesellschaft:
     Nicht wie du meinst. Nicht so.

     Nichts was mir weh tut.

Vater Staat:
     Bist du weiterhin frech,

     sag ichs dem Dachs! Du wirst

     sehen, was dir das bringt.

Tochter Gesellschaft:
      Nicht dem Dachs. Ich bin still.

Mutter Konzern:
     Schlafen wie ein Dachs

     würde ich wollen.

Tochter Gesellschaft:
     Der Dachs schläft nicht.

Vater Staat:
     Der schläft nicht, der Dachs.

     Der schläft sicherlich nicht.

     Wenn alles schläft, wacht

     der Dachs über uns.

 

Opa Rosemarie:

     Habt ihr nicht meinen

     Muschi gesehen?

 

Vater Staat:

     Pack dich weg. Was geht uns

     Dein Dackel an. Pack dich fort!

Mutter Konzern:

     Wie unverschämt. Als würden wir Tiere fressen.

Vater Staat:

     Fressen? Davon hat niemand geredet.

     Genauso vernichten, wenn ihr

     Euch ihm widersetzt. Er hat die Macht.

     Er hat das Wissen. Ihm gebührt

     Eure Aufmerksamkeit. Er ist

     Eure Hoffnung. Was mit ihm geschieht,

     das gelingt. Scheitern muss,

     wer sich versündigt gegen den Dachs.

     So ist es geschrieben, das alte

     Gesetz, das älter ist als die Welt

     Und das Dorf. Niemand kann sich

     Erheben dagegen, niemand brechen

     Dieses Gesetz. Wie die Nacht

     Auf den Tag folgt, so folgt

     Die Strafe der Sünde gegen den Dachs.

     Wie der Tag der Nacht folgt,

     folgt auf Gehorsam der Lohn.

     Niemand hält das Gesetz auf,

     niemand den Wechsel der Zeiten.

     Verändern kann niemand den Lauf

     Der Sonne, verändern kann niemand

     Den Lauf der Dinge, kann niemand

     Den Lauf der Welt, es sei denn

     Er sei in der Gnade des Dachs. Wer

     Dem Schicksal entrinnen will, der

     Wende sich an den Dachs. Nur er

     Ist mächtiger als das Schicksal.

     Kommt und fragt ihn, kommt

     Und bittet um seine Gnade. Kommt

     Und gebt ihm, was ihr noch habt.

     Kommt und stimmt ihn euch gnädig,

     den freundlichen Dachs in der Höhle

     unter dem Turm. Kommt zu mir,

     ich spreche für euch mit dem Dachs.

     Unsichtbar muss er euch bleiben, kein

     Auge erträgt seinen Glanz, kein Herz

     Überlebt seinen Anblick. Kommt zu mir.

     Kommt und fragt mich. Und

     Ich frage ihn. Jetzt ist es Zeit

     Für die Morgenschau. Die

     Morgennachrichten.

     Kommt und hört.

 

 

Opa Rosemarie:

 

     Muschi!

 

Oma Gustav:

     Lass bleiben, der Dachshund

     kommt schon zurück. Bist du

     zurück aus der Grube?

 

Opa Rosemarie:

     Spät kommst du vom Schlachtfeld.

 

Oma Gustav:

     Schlecht siehst du aus. Fahl und weiß.

 

Opa Rosemarie:

     Das ist die Kreide, nur Kreide.

     Ich stand die ganze Nacht in der Kreide

     und habe geschuftet und Kreide geschlämmt.

     Bis zum Hals stand mir das Wasser dabei.

     Kalt war es. Feucht wie das Grab.

     Nur vom Stehn in der Kreide bin ich

     so bleich. Nun haben wir aber wenigstens

     etwas zu fressen. Zwei Eimer Kreide.

     Zwei Eimer voll.

     Das ist die Beute der Nacht. Das

     sind die Reste vom Leben. Kreide

     zum Fressen. Kreide zum schreiben.

     Kreide die Häuser zu weißen.,

     die Wäsche, die Westen.

     Mit Kreide ins Grab. Wohin

     Sind die Lebensjahre, die wir

     an den Maschinen standen. Wohin

     ist die Zeit, die Kraft, das Leben?

     Entweder zitterten wir vor der

     heran rollenden Macht der Arbeit,

     die uns das äußerste abverlangte,

     über die Grenzen hinaus trieb und

     die Freunde zur linken und rechten

     fallen ließ unter die Räder. Zermalmt

     ausgelaugt, ausgeblutet, am Ende.

     Und dann alle Jahre das Nichts, die

     Leere, der kalte Griff in den Nacken,

     wenn keine Arbeit zu tun war und

     die Pest der Untätigkeit dahinraffte

     diesen und jene und die da. Wir

     haben es überlebt. Alle Schlachten

     geschlagen, unter allen Rädern gelegen,

     alle Griffe im Nacken gespürt,

     mehr gearbeitete, mehr, mehr, mehr,

     und wenn es nötig war ohne Pausen,

     ohne Feierabend und Wochenende.

     Und nun – ist die Schlacht vorbei.

     Nichts hat sie produziert als Verderben,

     Armut, Hunger, Hoffnungslosigkeit,

     Kälte, Angst; Arbeitslosigkeit,

     Sinnlosigkeit, Leblosigkeit.

 

 

Opa Rosemarie:

     Zeig was du mitgebracht hast. Zeig her.

     Altes Eisen. Hast du Kupfer gefunden? Bist

     du auf bunte Metalle gestoßen. Hast du

     Silizium, Nickel, Stahl, Elektronik bei deiner

     Grabung gefunden oder hast du im Sack

     wieder nur Dachrinnenzinn?

 

 

 

Opa Rosemarie:

     Du bist nicht anders als deine Kollegen.

 

     Du siehst nicht anders aus.

 

     Du schleppst dich in die Totenfabrik.

     Du plünderst die Wertgegenstände.

     Du lauerst den alten Kollegen auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oma Gustav:

     Wie eins der Gespenster der letzten Nacht

     schaust du aus im Werk. In der Totenfabrik.

     Du solltest dich waschen gehen. Geh baden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oma Gustav:

     Wie Geister ziehen die alten Kollegen nachts

     In der dachlosen Halle an dir vorbei,

     dem wandlosen Lager, der menschenleeren

     Fabrik. Maschinenstummel, Stofffetzen,

     verstreutes Geröll, zerrissene Seile. Nur

      die Erinnerung ahnt noch etwas

     vom vergossenen Schweiß, von Opfern

     der Lebenszeit, Leidenschaft, Pflicht.

    

     In einem anderen Leben

     kannte man sich, erkannte sich,

     grüßte sich. Jetzt schleicht man nurmehr

     lautlos vorbei aneinander. Fahle Gestalten,

     abgemagert und dürr, leere Augen wie Tote.

     Als schleppten sie sich zur Arbeit ziehen

     sie neben mit in die Totenfabrik.

     Und klappern und rasseln und scheppern

     in den alten Ruinen und gönnen sich

     nicht die Trophäen, die letzten

     verwertbaren Reste der Produktion.

     Wie Kannibalen fallen sie über den einst so

     lärmenden, lebenden, lauten Kadaver her.

     Das hier ist alles was noch von Wert ist

     und was ich tragen konnte alleine.

     Die andern Gespenster schleppen

     das Ihrige mit sich herum.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Zeit für den Kassensturz.

     Wie läuft die Wirtschaft?

Herr Knecht:

     Gar nicht.

Milchmädchen:

     Wie ist das Wirtschaftsklima?

Herr Knecht

     Frostig bis tiefgekühlt. Wir haben

     Die Heizkosten nicht bezahlt.

Milchmädchen:

     Was haben wir gestern

     eingenommen?

Herr Knecht:

     Außer Tabletten nichts.

Milchmädchen:

     Was haben wir ausgegeben?

Herr Knecht:

     Durchhalteparolen.

Milchmädchen:

     Gewinn?

Milchmädchen:

     Null.

Milchmädchen:

     Wirtschaftswachstum?

Herr Knecht:

     Null.

Milchmädchen:

     Aussichten?

Herr Knecht:

     Auch null.

Milchmädchen:

     Kontostand?

Herr Knecht:

     Unter null.

Milchmädchen:

     Toilette?

Herr Knecht:

     Null Null. Obwohl der Wirt schafft

     und schaff brummt die Wirtschaft

     trotzdem nicht. Das schafft mich.

Milchmädchen:

     Das wird schon! Wird schon. Schaffen

     Wir schon.

Herr Knecht:

     Frage mich warum ich Wirtschaftswissenschaft

     Studiert habe am Lehrstuhl für Gläser und

     Teller. Der Wirtschaftsbetrieb läuft trotzdem nicht.

     Statt Wirtschaftsleere hätte ich Wirtschaftsfülle

     Studieren sollen.

Milchmädchen:

     Vielleicht hätten Sie Kochen lernen

     Sollen statt Wirtschaft zu studieren.

Herr Knecht:

     Ich habe mehr Umsatz gemacht

     Als Sie jedenfalls.

Milchmädchen:

     Ihr Umsatz ist wie der meinige null.

Herr Knecht:

     Bei mir aber ist die Kurve

     Der sinkenden Umsätze weniger steil

     Als bei Ihnen. Der Wettbewerb

     endet zu meinen Gunsten.

Milchmädchen:

     Meine Kurven sind steiler weil meine

     Umsätze einst deutlicher über

     Den Ihren lagen. Heißt: Ich habe wirklich Geld

     Angeschafft während bei Ihnen

     Noch nie was nach oben zeigte.

Herr Knecht:

     Ihr Umsatzanteil stürzt ab,

     während der meine sich zur

     mählichen Landung senkte. Ihre

     Kurven hängen mächtig nach unten,

     wo mein Indikator ungefähr waagerecht weist.

Milchmädchen:

     Sie haben niemals zum Umsatz

     Viel beigetragen.

Herr Knecht:

     Die Vergangenheit interessiert hier nicht. Ihre

     90-Tage Kurve weist ebenso abwärts

     Wie die 60-Tage Linie und der 90

     Tägige Quartalsabschluss.

     Ihnen steht der Zusammenbruch bevor, mir

     Hingegen nur eine weiche Landung.

     Sie sind eine unternehmerische Null.

     Ich bin ein Stabilitätsgarant.

Milchmädchen:

     Man müsste was unternehmen,

     Damit die Wirtschaft in Gang kommt,

     meine Kurven sich aufwärts straffen

     und ihr Indikator endlich wieder

     steil nach oben zeigt.

Herr Knecht:

     Rabattaktionen? Ein Fest?

     Müsste man mal.

     Könnte man mal.

     Sollte man mal.

     Wollen wir mal?

Milchmädchen:     

     Wir? Nein. Nicht Sie und ich!

Herr Knecht:

     Was unternehmen.

Milchmädchen:

     Sie meinen geschlechtlich?

Herr Knecht:

     Ich meine geschäftlich?

Milchmädchen:

     Geschlechtlich geschäftlich?

Herr Knecht:

     Sagen Sie, worüber reden wir hier?

Mutter Konzern:
     Es ist kalt. Mich friert.

Vater Staat:
     Es könnte ein frostiger Sommer werden.

     Und möglicherweise

     ein langer, langer,

     harter Winter.

 

Mutter Konzern:
     Das Klima ändert sich.

     Merklich.

 

     Kalt.

 

Vater Staat:
     Wenigstens ist der Regen warm.

 

     Warm.

Tochter Gesellschaft:
     Jetzt habt ihr ja doch wieder etwas gefühlt.

Vater Staat:

     Der kleine Mann hat die Hosen voll.

Mutter Konzern:

     Kümmer du dich um ihn. Nimm

     Den kleinen Mann, geh nach Hause mit ihm

     Und wisch ihm den Hintern sauber.

Tochter Gesellschaft:

     Warum muss immer nur ich

     Für den kleinen Mann sorgen?

Vater Staat:

     Damit du es lernst und kannst,

     wenn du es später brauchst. Geh!

Mutter Konzern:
     Nimm deinen Strickschal mit!

     Kennst du den Menschen da?

Vater Staat:
     Sie da.

 

     Ja Sie.

     Haben Sie etwas zu tun

 

     für mich?

 

     Für uns?

Andi Arbeit:
     Nein. Nein. Nichts zu tun.

Vater Staat:
     Sind Sie neu in der Stadt?

Andi Arbeit:
     Auf der Durchreise hängen geblieben.

Vater Staat:
     Könnten Sie ihren Koffer fallen lassen?

Andi Arbeit:
     Ist das ein Raubüberfall? Ich wurde

     vor diesem Dorf gewarnt.

 

Vater Staat:
     Ich möchte ihn aufheben. Den Koffer.

Andi Arbeit:
     Und dann?

Vater Staat:
     Habe ich heute etwas getan. Das

     könnte ich in mein Tagebuch schreiben.

 

Andi Arbeit:
     Bitte schön.

Vater Staat:
     Schwer. Schwer.

Andi Arbeit:
     Soll ich doch lieber selber?

Vater Staat:
     Lassen Sie. Warten Sie. Habs gleich.

 

Andi Arbeit:
     Wollen Sie Geld

     herausschlagen aus mir?

Vater Staat:
     Geld? Nicht Geld. Ich rede von Arbeit.

     Harter, schwerer Arbeit.

     Ihr Geld können Sie getrost behalten.

Andi Arbeit:
     So schwer ist der auch wieder nicht.

Vater Staat:
     Es ist Arbeit.

 

     Arbeit ist schwer.

 

     Nicht ganz so schwer wie keine

     Arbeit, aber schwer.

 

     Ich habe mir Arbeit nie

     leicht gemacht, wissen Sie.

     Ich brauche die Anstrengung,

     die Herausforderung.

     Anpacken.

     Gas geben.

     Durchstarten.

     Wissen Sie.

 

     Ich habe nichts über für Leute, die es sich

     leicht machen wollen, die nichts

     schaffen wollen,

     die nicht anpacken

     können. Ich bin ein Mensch

     wenn ich mich bei der Arbeit spüre.

 

Andi Arbeit:
     Kann ich jetzt meinen Koffer bekommen?

Vater Staat:
     Warten Sie. Saubere Arbeit braucht ihre Zeit.

Andi Arbeit:
     Geben Sie mir sofort meinen Koffer.

    

Vater Staat:
     Sie unverschämter, ungehobelter Wicht. Sie

     wissen den Wert

     sauberer

Tochter Gesellschaft:

Denke nicht.

Fühle nicht.

Wolle nicht.

Spreche nicht.

Singe nicht.

Tanze nicht.

Arbeite nicht.

Schlafe nicht.

Wache nicht.

Wünsche nicht.

Höre nicht.

Sieh nicht.

Fühl nicht.

Denk nicht.

 

 

 

Medium:

     Guten Morgen du schöne Welt.

     Guten Morgen mein Dachs. Guten

     Morgen Marienthal, meine traurige schöne!

     Hier sind die Morgennachrichten. Die

     Nach war weitgehen still und ereignislos.

     Was an und für sich bereits eine Meldung

     Wäre. Jedoch begab es sich zu der Zeit

     Da hinter den Wolken der Neumond verschwand,

     dass Einbrecher sich Zugang zur toten Fabrik

     im Herzen des Ortes Marienthal

     verschafften und dort zu plündern begannen.

     Die örtliche Polizei kam zu spät,

     um die Diebe auf frischer Tat zu ertappen.

     So erklärt es die örtlich zuständige Ordnungsmacht.

Hauptmann Bleiberecht Weber:

     Wir kamen leider zu spät

     Um die Diebe auf frischer Tat zu ertappen.

Medium:

     So viel zu dem was war und was ist.

     Und nun zu allem was wird. Der Dachs

     Hat verkündet: Temperaturen steigen,

     Regen fällt, aber vermutlich wenig und langsam.

     Morgen wird Nebel steigen, Nachts Dunkelheit

     Fallen, es sei denn aus Neumond wird

     Kurzfristig Vollmond, was nach Lage

     Der Dinge nicht zu erwarten ist.

     Amen und Dachs sei Dank für diese Prognosen.

     Bei Fragen zu einzelnen zukünftigen

     Entwicklungen steht der Dachs ab sofort

     Wieder zur Verfügung. Kommen Sie zu mir

     Und ich rufe für Sie den Dachs an.

     Gebührenpflichtig versteht sich.

     Und nun zum Musikprogramm.

 

 

Medium + Dieter Oben :

     Are you going to Scarborough Fair?
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     Remember me to one who lives there,
     For she once was a true love of mine.

Medium:

     Tell her to make me a cambric shirt,
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     Without no seam nor fine needlework,
     And then she’ll be a true love of mine.

     Tell her to wash it in yonder dry well,
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     Which never sprung water nor rain ever fell,
     And then she’ll be a true love of mine.

     Tell her to dry it on yonder thorn,
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     Which never bore blossom since Adam was born,
     And then she’ll be a true love of mine.

     Ask her to do me this courtesy,
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     And ask for a like favour from me,
     And then she’ll be a true love of mine.

Medium + Dieter Oben :

     Have you been to Scarborough Fair?
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     Remember me from one who lives there,
     For he once was a true love of mine.

Dieter Oben :

     Ask him to find me an acre of land,
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     Between the salt water and the sea-sand,
     For then he’ll be a true love of mine.

     Ask him to plough it with a sheep’s horn,
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     And sow it all over with one peppercorn,
     For then he’ll be a true love of mine.

     Ask him to reap it with a sickle of leather,
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     And gather it up with a rope made of heather,
     For then he’ll be a true love of mine.

     When he has done and finished his work,
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     Ask him to come for his cambric shirt,
     For then he’ll be a true love of mine.

Medium + Dieter Oben :

     If you say that you can’t, then I shall reply,
     Parsley, sage, rosemary and thyme,
     Oh, Let me know that at least you will try,
     Or you’ll never be a true love of mine.

 

     Medium:

     Diesen Titel brachten wir auf besonderen

     Wunsch einer Hörerin aus Marienthal,

     die uns ihren Namen leider nicht verraten wollte.

 

     Wenn Sie Petersilie, Salbei, Rosmarin oder Thymian

     Auch für die Zubereitung ihrer eigenen

     Köstlichen Mahlzeiten nutzen und

     Ihren Liebe damit eine wunderbar duftende

     Leibspeise produzieren wolle, wenden

     Sie sich vertrauensvoll an einen Vertreter

     des kräuterproduzierenden Gewerbes der

     Ortschaft Josefsthal. Seit Jahrhunderten

     Bekannt und bei Experten geschätzt

     Für die Herstellung edelster und kostbarster

     Kräuter, Gewürze, Gemüse und mehr.

     Josefsthal – Wachstum mit Kräutern.

 

     Und falls Sie dieses Lied käuflich

     Erwerben wollen, wenden Sie sich an mich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tochter Gesellschaft:

     Na du kleiner Mann. Da hockst du

     In der Scheiße und schaust mich

     Aus dümmlichen Augen an, was?

 

     Könntest du wünschen, du wünschtest

     Dir sicher aus eigener Kraft aus der

     Scheiße zu kommen, nicht wahr?

 

     Und weißt du was kleiner Mann?

     Das wünsch ich mir auch.

     Dass du aus der Scheiße kommst

     Ohne mich in die Scheiße zu reiten.

 

     Ohje, heut hast du dich aber wirklich

     Tief in die Scheiße geschissen.

 

     Wer hat dir nur so viel

     Zu Essen gegeben?

 

     Wieso

     Füttert man dich fett und satt

     Und ich muss hungern und frieren?

 

     Sogar dein Strickschal ist wärmer

     Und weicher als meiner.

 

     Ich weiß nicht, wann ich zuletzt

     Solch einen Haufen geschissen hab.

     Kleiner Mann, was du frisst wird

     Von meiner Ration genommen. Und das

     Wo du doch auch bald nicht mehr

     Genug zu fressen bekommen wirst.

 

     Kleiner Mann, kleiner Mann.

     Willst du wirklich noch älter werden?

     Würde ich deine Ration bekommen,

     ich könnte damit überleben.

     Aber es reicht nicht für dich und für mich.

     Du stiehlst wenn einer sich umdreht.

     Du würdest, denke ich, auch vor Gewalt                

     Nicht weichen noch schrecken.

     Dafür finde ich viel zu oft frisches Blut

     An deinem scheppernden prallen Sack.

     Ich frage nicht, wessen Blut das ist.

     Hauptsache der Sack ist voll und

     der Magen. Hauptsache der Sack

     ist voll und der Magen.

 

     Hauptsache Magen.

 

 

Opa Rosemarie:

     Fressen die Ratten uns vielleicht auf

     Wenn sie nichts andres zu fressen      bekommen?

     Raus aus der Rattenfalle. Ende der

     Nächtlichen Rattenzahlung.

     Das wäre mein sehnlichster

     Wunsch. Nicht mehr die Kreide

     fressen zu müssen,

     in der ich jede Nacht stehe. Das hätten wir

     mit der Schufterei verdient. Ich fordere

     vom Dachs nur gerechten Lohn.

 

 

Opa Rosemarie:

     Tun wir unsere Pflicht, arbeiten wir

     Wie es verlangt wird von uns. Nur wer brav

     Und fleißig tut, was zu tun ist,

     der wird der Pest entgehen, die über dem

     Dorf liegt. Nicht wahr.

Oma Gustav:

     Nur wer redlich und treu seine Arbeit macht,

     wird nicht dahingerafft von der Pest der

     Untätigkeit. Komm oh Dachs, sei unser Gast,

     und segne, was du uns gelassen hast.

     Guten Hunger.

Opa Rosemarie:

     Guten Hunger. Nachher gehe ich vielleicht

     Baden im Trübetümpel.

Oma Gustav:

     Angeblich ist letztens im Trübetümpel

     Wieder ein Kind verschwunden.

Opa Rosemarie:

     Wer hat das gesagt?

Oma Gustav:           

     Das Medium sagt, der Dachs habe davon      berichtet.

Opa Rosemarie:

     In letzter Zeit verschwinden hier viele

     auf rätselhafte und ungeklärte Weise

     und werden nie wieder gesehen. Wie

     die Totenfabrik löst sich das Dorf

     Stück für Stück für Stück auf.

    

     Produzieren, produzieren, produzieren.

     Könnten wir nur irgendwas produzieren.

     Ich wünschte ich könnte abends

     Auf meine Hände blicken und sagen:

     Die habens gemacht. Und hätte

     Etwas zu zeigen und könnte sagen:

     Und das habe ich gemacht. Das ist

     Mein Werk. Und das hier bin ich.

     Wie der Werkmeister der Erde, was

     Wäre die Erde ohne den Werkmeister? Und

     Kann sie denn werklos bevölkert sein?

     Was bin ich denn ohne Werk?

     Diese dachsverdammte Werklosigkeit!

 

 

     Es ist wie es ist wie es ist.

 

 

     Muschi?

 

 

 

 

 

     Wo ist mein Muschi?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Angst! Kommkommkommkommkomm!

 

     Haben Sie meine Angst gesehen?

 

Oma Gustav:

     Nein, nein.

Milchmädchen:

     Sie haben Blut an den Ärmeln.

Opa Rosemarie:

     Das ist kein Blut.

 

     Haben Sie unseren Muschi gesehen?

Milchmädchen:

     Ihren Hund? Neinnein, glaube ich nicht.

     Haben Sie meine Katze gesehen? Die kleine Angst

     Finde ich nicht. Ich suche sie schon

     Den ganzen Morgen.

Oma Gustav:

     Neinnein, glaube ich nicht. Ich fürchte,

     sie ist gefressen worden von denen da drüben.

     Die fressen alles, was Fleisch hat und Knochen.

Opa Rosemarie:

     Uns wollten sie auch schon fressen.

Milchmädchen:

     Dann werden sie dafür bezahlen müssen.

     Wenn einer bei mir etwas isst, wird

     Bezahlt dafür. Das ist Gerechtigkeit,

     Gerechtigkeit, Gerechtigkeit.

     Sie werden bezahlen, wenn sie meine Angst

     Aufgefressen haben sollten.

 

Oma Gustav:

     Was wollen Sie uns noch nehmen?

     Wovon sollen wir zahlen? Kreide

     Können sie haben von uns.

     Brauchen Sie Kreide?

Milchmädchen:

     Ich will nur meine Angst.

     Ich rieche sie doch. Ich glaube

     Sie lügen. Sie haben sie hier versteckt.

Opa Rosemarie:

     Vielleicht hat ja Muschi die Angst

     Gefressen. Vielleicht hat unser Hund

     Sie hierher geschleppt.

Milchmädchen:

     Also habe ich Recht gehabt. Wo

     Ist meine Angst? Wo ist sie?

     Was haben Sie getan mit meiner Angst?

     Angst. Angst. Wo bist du?

Oma Gustav:

     Schreien sie nicht so herum.

     In unserem Haus gibt es kein

     Angstgeschrei. Merken Sie sich das.

 

Milchmädchen:

     Angst wo bist du?

 

     Angst bist du hier?

    

     Wo bist du nur?

Opa Rosemarie

     Hier ist ihre Angst nicht.

     Sie ist hier nicht. Nirgendwo.

     Und jetzt verlassen Sie unser Haus.

Milchmädchen:

     Ohne Angst gehe ich nicht.

Oma Gustav:

     Verschwinden Sie jetzt sonst

Milchmädchen:

     Sonst was? Sonst schlachten Sie

     Mich wie zuvor meine Angst?

Oma Gustav:

     Sonst werfe ich Sie hinaus. Nichts

     Anderes sonst. Raus

Milchmädchen:

     Ich finde heraus, was Sie getan haben.

     Was Sie meiner Angst angetan haben

     Find ich heraus! Das schwöre ich Ihnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oma Gustav:

     Waren die Ratten da? Haben die Ratten?

     Sich ihren Teil geholt? Hast du Ratten

     Spuren gesehen, Nagerspuren. Fressen

     Die Ratten uns arm? Fressen

     Die Ratten das Haus wenn sie nichts

     Andres zu fressen mehr finden?

 

 

 

 

Oma Gustav:

     Der Dachs wird uns geben was uns gebührt.

     Lohnt es sich für den Dachs gibt er uns

     Unseren Lohn. Sei geduldig, dränge nicht,

     warte. Der Dachs war noch allen freundlich

     gesonnen, die nicht drängten sondern

     geduldig warteten auf den Lohn der Sorgen,

     Mühen und Ängste. So lange zahlen wir

     weiter unsern Tribut den nächtlich

     nagenden Ratten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oma Gustav:

     So wie die von da drüben, vom andern

     Ende des Marktes vielleicht. Produzieren,

     produzieren, produzieren. Aber

     verkaufen die was? Wer kauft denn

     bei denen? Wer will denn bei solchen

     Leuten was kaufen?

 

Milchmädchen:

     Über Verkehr.

Herr Knecht:

     Was für Verkehr?

Milchmädchen:

     Geschlechtsverkehr?

Herr Knecht:

     Geschäftsverkehr. Ich rede nur von Geschäftsverkehr.

Milchmädchen:

     Sie wollen mit mir geschäftlich verkehren?

Herr Knecht:

     Was ist daran verkehrt?

Milchmädchen:

     Ich weiß nicht, was an unserem Geschäft verkehrt ist,

     aber ich weiß dass Geschlechtsverkehr im Geschäft

     verkehrt wäre weil der geschäftliche Geschlechtsverkehr      die Verhältnisse geschäftsschädigend verkehrte.

Herr Knecht:

     Ich werde den Dachs befragen!

    

Milchmädchen:

     Haben Sie unsere Katze hier

     Irgendwo gesehen heute? Sie hat

     Ihre Milch noch gar nicht berührt.

Herr Knecht:

     Ich habe die kleine Angst noch nicht

     Gesehen heute, nein. Sie wird schon

     Wiederkommen. Das hat sie bisher ja

     Auch noch immer getan.

 

 

Milchmädchen:

     Angst!

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Angstlein wo bist du?

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Schau was ich habe für dich.

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Wasser mit Kreide, das sieht doch

     Fast aus wie Milch. Komm lecker Fresschen

     Für dich.

    

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Wo ist meine kleine Angst?

 

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Angstangstangstangstangst!

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Steckst du hier irgendwo?

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Oder hier vielleicht?

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Hast du dich hier verkrochen?

 

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Komm Kreide saufen.

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Angst!

 

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Du Mistkatze wo hast du dich versteckt?

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Angst! Komm jetzt her!

 

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Angst!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Bist du irgendwo hier?

 

 

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Na ich finde dich schon!

 

 

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Bist du nach draußen gelaufen, was?

 

 

 

 

 

 

 

Milchmädchen:

     Angst!

 

     Arbeit gar nicht zu schätzen.

     Sie wissen nicht, was es heißt,

     gute Arbeit zu leisten.

     Einen Koffer aufzuheben.

     Einen Stein, wie diesen hier.

     Nichts weißt du Wichtigtuer

     Nichts weißt du Wicht.

     Nichts weißt du.

     Nichts weißt du. Nichts weißt du.

     Nichts

     Nichts

     Nichts

     Nichts.

 

     Nichts.

 

     Saubere Arbeit.

     Jetzt der Koffer.

 

Mutter Konzern:
     Ist er tot?

 

 

Vater Staat:
     Lebendig scheint er mir

     Jedenfalls nicht mehr zu sein.

    

Mutter Konzern:
     Hat er etwas zu tun dabei?

Vater Staat:
     In den Taschen ist nichts. Ein Schreiben.

     Auch nichts zu tun. Was kommt denn

     einer wie der hier her? Im Anzug.

     Noch einen ohne Arbeit brauchen wir nicht.

     Nichts zu tun haben wir schon alleine genug.

     Er hatte Angst um das Geld,

     das er offenbar sowieso nicht hat.

     Dabei wollte ich gar kein Geld.

     Nur seine Arbeit. Nur seine Arbeit

 

Mutter Konzern:
     Tote brauchen keine Arbeit.

     Schaff ihn fort.

     Sage niemand, du hättest heut nichts getan.

    

Vater Staat:
     Lieber eine Untat als untätig.

     Lassen wir das. Bring du

     Ruhig die Leiche weg.

     Da drüben rein. Ich will jetzt

     meinen Feierabend genießen.

Mutter Konzern:
     Ich darf?

Vater Staat:
     Ja mach. Ich schenke dir diese Arbeit!

Mutter Konzern:
     Ich danke dir!

     Schönen Feierabend dir!

Vater Staat:
     Dir gutes Gelingen und gute Verrichtung!

     Und heut Abend Leichenschmaus in der Wirtschaft!

Mutter Konzern:
     Wir sehen uns später.

 

 

 

 

     Ruhe sanft, mein untätiger Toter.

 

 

 

 

 

 

 

Oma Gustav:

     Muschi?

Mutter Konzern:

     Haben Sie ihren Köter

     Noch nicht gefunden?

Oma Gustav:

     Sie keuchen ja so? Wovon

     Sind Sie denn so außer Atem?

     Sie haben doch wohl nicht Arbeit

     Gefunden?

Mutter Konzern:

     Nein.

Oma Gustav:

     Sie haben Muschi gestohlen. Gegeben Sies

     Zu. Sie haben meinen Hund gefressen.

     Das Fett auf Ihren Hüften verrät Sie.

     Kaltschnäuzig haben Sie aus meinem Liebling

     Einen Braten gemacht für ihre widerliche

     Sippe da drüben. Diebe und Mörder!

     Diebe und Mörder seid ihr da drüben!

     Hundemörder. Meinen Muschi habt ihr gemordet!

Mutter Konzern:

     Fragen Sie doch den Dachs. Glauben Sie

     Ihm wenn Sie mir nicht glauben. Und

     Halten Sie Ihren Mund mit Ihren

     Unanständigen Verleumdungen.

     Ich habe nichts zu beichten oder

     Wie Sie sagen würden: Nichts zu gestehen.

Oma Gustav:

     Mörder! Mörder! Mörder seid ihr so oder so!

     Tagediebe und Mörder! Tatenlos, untätig

     Verfressen, faul und träge seid ihr!

Mutter Konzern:

     Dich fress ich irgendwann auf. Denk dran.

     Wenn du nachts irgendwann Schritt hörst

     Vor der Tür, unterm Fenster, im Flur,

     an der Schlafzimmertür. Irgendwann kommen wir nachts

     mit dem Beil. Und dann fressen wir dich.

     Un